Tag 62 – Theorie und Praxis…

Ein weiteres Jahr geht zu Ende und mit diesem auch 2 Monate unter Baclofen. Also ein wunderbarer Zeitpunkt mal wieder ein besseres Update in die Welt zu posaunen 😉

Auch wenn es hier und da positive Momente gab und ich grundsätzlich sagen muss, dass ich auch nur ungerne wieder ‚runter‘ von Baclofen gehen will, so befürchte ich dennoch, dass es nach 2 Monaten doch eine deutliche Besserung hätte geben müssen, wenn Baclofen auch ‚mein Mittel‘ hätte sein sollen. Jeder Mensch ist anders und reagiert vor allem anders auf Medikamente – soviel konnte ich schon oft feststellen.

Für mich ist baclofen ein Mittel, das ganz klar die Spitzen der Ängste nimmt. Es verbessert deutlich(!) den Schlaf und ist im Grossen und Ganzen gut verträglich. Wer meine 2 Monate ein bischen verfolgt hat, der weiß wie ‚empfindlich‘ ich bin und selbst bei mir sind die Nebenwirkungen ziemlich weit zurückgetreten. Jedoch nicht alle. Tagsüber ist die Schläfrigkeit für mich (obwohl ich ein großes Kerlchen bin und meine Dosierung nie wirklich hoch) oftmals zu stark. Das bringt meine Konzentrationsfähigkeit voll in den Keller und hindert mich an meiner beruflichen Kopfarbeit. Wenn ich stärker dosieren würde, könnte es evtl. meine Ängste komplett verhindern, jedoch würde ich vermutlich sabbernd in der Ecke liegen und wäre zu nix anderem zu gebrauchen. Solche Zeiten hatte ich mit Benzos bereits und die machten am Ende alles schlimmer, da meine Existenz ins wanken geriet.

Ich glaube für mich also mittlerweile, dass ich von Baclofen mehr erwartet hatte, als es liefern konnte. Ich wünschte mir eine Angstfreiheit, die auch im Kopf passiert. Die körperlichen Auswüchse der Angst sind von Baclofen verbessert worden. Nicht weg, aber besser. Mein dummes Köpfchen will aber augenscheinlich nicht daraus lernen. Oder vielleicht erst viel, viel später – ich weiß es nicht.  Jedenfalls vermeide ich genauso wie ohne Baclofen (meine Frau mein sogar noch mehr…). Keine Ruhe – nach der ich mich so lange schon sehne – kehrt ein. Und zusätzlich verschlechterte sich in den 2 Monaten meine Konzentration, körperliche Kraft und Wachheit. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein lohnender Tausch ist.

Da ich befürchte, dass die körperlichen Symptome auch ohne äusseren Anlass wieder schlechter werden könnten, wenn ich jetzt das Absetzen beginne, werde ich noch eine Weile bei Baclofen bleiben. Eine Steigerung der Dosis kann ich mir jedoch nicht mehr vorstellen. Die dämpfende Wirkung ist für mich zu stark. Auch hier ein Unterschied zu vielen anderen: bei mir gibt es keinerlei Antidepressiven Effekt. Nichts was mich motiviert oder antreibt. Ich vermute, dass dies daher rührt, das ich einfach kein Alkoholismus im Background habe. Das ist natürlich schön, aber deswegen vielleicht das Ausbleiben einer Motivationssteigerung. Ich weiß es nicht wirklich.

Warum ich in all den Jahren auch aus ‚Erfolgen‘ nie lernen konnte, weiß ich leider nicht. Ich würde behaupten, sie waren nie deutlich genug, so dass die Befürchtungen über neue Angstattacken immer stärker waren, als das Gefühl z.B. eine angstbesetzte Situation ‚geschafft‘ zu haben. Schon am nächsten Tag bin ich wieder der Meinung, ich könnte das sicher nicht nochmal. Versuche ich es erneut, so quäle ich mich ganz genau wie beim ersten Mal, um am Ende zwar alles ‚überlebt‘ zu haben, jedoch ohne etwas daraus zu lernen.

Für mich liegt nach wie vor die Ursache darin, dass irgendetwas in meinem biochemischem Haushalt schlicht im Arsch ist. Ich bin Determinist und glaube immer an ein Ursache-Wirkung Prinzip. Zudem glaube ich noch daran (habe tatsächlich mal Bio und Chemie studiert), dass wenigstens der wirkliche Grossteil unserer Gefühle auf Biochemie basiert. Und nur, weil wir noch nicht alles Verstanden haben, heisst es nicht, dass es nicht mit schlichter Chemie zu erklären ist. Sprich: in 50 Jahren würde man mir evtl. nur kurz Blut abnehmen, irgendwelche Genmarker bestimmen und dann ein passendes Medikament generieren, dass den Fehler in meinem Katecholaminhaushalt korrigiert. Bums. Erledigt.

Heute, tja heute ist das jedoch anders. Heute gelte ich schlicht als ‚bekloppt‘, feige oder sonstwie nicht ernstzunehmen. Und soll ich ganz ehrlich sein? Ich sehe es genauso! Ich bin weiß Gott nicht dämlich, aber an diesem Punkt benehme ich mich wie ein ungelehriger Dreijähriger. Ich stehe förmlich daneben und beobachte mich beim doof sein. Das ist schon frustrierend.

Es ist nicht so, als könnte ich mich nicht an bessere Zeiten erinnern. Im Gegenteil. Irgendein gutes Lied aus den Achtzigern und ich spüre förmlich, wie es sich anfühlte, als ich noch völlig gesund war. Für Sekunden ist alles wieder da. Aber leider nur für Sekunden. Was bleibt ist die Wehmut, dass es verschwunden ist, ich noch immer der selbe bin, aber am Ende leider doch nicht.

Es liegt bei mir der nicht fachärztliche Verdacht auf ADHS vor. Für mich ein Ansatz, warum ich in all den Jahren nie ‚gelehrig‘ war, was die oben angesprochenen ‚Erfolge‘ angeht. Wenn Dein Kopf immer schneller mit den (negativen) Gedanken ist, als der Arsch ihm vormachen kann, dann ist das auch schwierig was daraus zu lernen. Du spürst, dass Du was Gutes gemacht hast und das es sich toll anfühlt und garnicht viel später hat Dein Köpfchen ein so großes Loch in dieses gute Gefühl gefressen, dass Du es am Ende doch wieder nur scheisse findest. Also geht das Karussel von vorne los. Und hier – so der Ansatz eines befreundeten Arztes – kneife ich mich selbst und hindere mich an einer Remission. Und dieses nicht loslassen von solchen Gedanken, dieses im Kreis drehen. Das war einer der Punkte (mit meiner schulischen Historie) warum der Verdacht auf ADHS entstanden ist. Tja, was mir das helfen könnte? Keine Ahnung, zumal die Diagnose ADHS bei Erwachsenen irgendwie keiner Stellen möchte und viele sogar der Meinung sind, das gibt es garnicht. Sprich, alle, die ADHS im Kindesalter haben, gesunden spontan sobald sie älter werden … Klar.

Tja, ich habe da tatsächlich einige Theorien im Nähkästchen, in denen auch Dopamin vorkommt. Da werde ich wohl mal ein wenig buddeln müssen in nächster Zeit. Ob mich das irgendwann irgendwo hinbringt? Sicher, nur wohin weiß ich nicht 😉

Jedenfalls bin ich noch nicht bereit aufzugeben. Ich wäre kein Determinist, wenn ich davon ausgehen würde, es könnte sich von selbst irgendwann bessern. Und als Dickkopf bin ich der Meinung, ich tue ja bereits alles verhaltenstherapeutische, was ’so einer wie ich‘ halt schaffen kann 😉 Nein im Ernst, sicher gibt es tolle Ansätze, von denen ich auch vielen gefolgt bin. Aber wie oben Beschrieben haue ich auch immer auf alle Erfolge mit unerschütterlicher Energie drauf. Das hält kein Ansatz aus 😉

So, das neue Jahr ist noch ne gute Stunde entfernt, aber Baclofen ruft mich schon ins Bett. Und da werde ich wohl dem Ruf folgen – so erscheint es mir am einfachsten zu sein.

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch und ein schönes, gesundes Jahr 2011. Mögen sich Eure Wünsche erfüllen! Ich drücke allen die Daumen!

LG Petrocelli

Tag 47 – ich bin nicht weg, nur gerade nicht da…

Ich muss gestehen, das Schreiben fehlt mir ein bisschen, aber z.Zt. ist bei uns durch den Umbau nur noch Chaos und Abends bin ich meistens einfach nur platt und will schlafen. Ans Schreiben ist dann nicht zu denken.
Es hat sich auch nichts gravierendes getan. Ich hatte versucht auf 3×12,5mg hoch zu gehen, jedoch kamen sofort die Nebenwirkungen wieder auf und ich bin schlicht nicht in der Stimmung, diese zum bestehenden Chaos hinzuzufügen. Also bleibe ich erstmal noch bei einem Kompromiss mit 12,5-10-10.
Es gab Vor ca. einer Woche ein ‚Erlebnis‘, das sehr wohl beachtenswert ist, auch wenngleich es keine Revolution ist. Wir waren mit der Firma zum Weihnachtsessen. Für gewöhnlich bin ich bei solchen Events schon einige Tage vorher unruhig und mache mir unnötig Stress. Diesmal auch. Und normalerweise läuft so ein Essen so ab, dass ich erst zum Ende – also kurz vorm Nachtisch – entspannter werde. Im Grunde dann, wenn es schon vorbei ist. Ich denke, das kennen die Meisten aus meiner Zunft 😉
So hier lag nun aber der Unterschied. Ich war nur wenige Minuten da, schon merkte ich, dass die Befürchtungen und Anspannungen, die mir sonst bekannt sind und auch erwartet werden, sich irgend wie nicht richtig entwickelten. Eher flach und unterschwellig. Das wiederum sorgte sehrwohl für weitere Entspannung. Ehrlich gesagt fühlte ich mir ziemlich gut und der Abend gefiel mir wirklich. Ich bin mir sicher, das dieser Effekt wirklich Baclofen zuzuschreiben ist.

Das Problem ist, dass ich mir heute schon richtig Mühe geben muss, um mich genau daran zu erinnern. Meine negativen ‚Vorstellungen‘ und Erwartungen zu einer solchen Aktivität in der Offentlichkeit sind so stark, dass sie tatsächlich das positive, erlebte fast überlagern. Ich denke an diesen Abend und kann mich kaum an ein positives Gefühl erinnern. Es fühlt sich alles wie üblich er beängstigend und negativ an, obwohl ich ‚weiß‘, dass es ein guter Abend war.

Ich glaube hier genau liegt die Schwierigkeit für mich. Meine negativen Erwartungen und Erinnerungen überlagern sehr schnell und leicht die positiven Dinge, selbst wenn sie da sind. An dieser Stelle glaube ich tatsächlich, das wohl eher die Zeit mit Baclofen etwas ausrichten wird, als eine massivere Erhöhung der Dosis.

Wir werden sehen. Es sieht hier zwar nicht nach einer Besserung des Stresses bzgl. des Umbaus aus, jedoch versuche ich hier und da nochmal Updates loszuwerden.

Tag 33 – kein Sommer, aber die Tage werden länger ;)

Noch jemand da? Hallo?

Fruchtzwerge??

Hehe, naja, so schlimm ist es ja nicht. Die Statistik lügt nicht und die sagt, Ihr seid noch da. Nur stumm halt, wie ich.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls in den letzten Tagen etwas faul gewesen. Es hat sich nicht viel getan, und einfach drauf los plappern, was mein Tag so an lästigen Dingen parat hatte, das wollte ich nicht. Immerhin waren keine Ofenbauer mehr hier, die mich genervt hätten – das hätte ich sicher loswerden wollen 😉

Die Nebenwirkungen dürfte man mittlerweile sicher als Null bezeichnen. Selbst ich als Hypochonder muss gestehen, dass es mich wenigstens die letzten 3 Tage nicht mehr irgendwo gezwickt oder geschwindelt hat. Bei körperlicher Arbeit, oder schlicht, wenn ich etwas länger etwas in die Luft halten muss (also arme nach oben unter Last), dann fühlt es sich noch an, als würde das Blut schneller aus den Armen laufen bzw. merke ich, dass schlicht nicht mehr die ganze Kraft da ist.

Aber sonst? Tja, mehr spüre ich wirklich nicht mehr. Habe ich 30mg/d aber nun auch eine ganze Zeit als Dosis.

Und Positives? Ich glaube manchmal ein ‚gewisse Ruhe‘ in mir zu entdecken, jedoch ist diese in keinem Fall ausreichend um irgendetwas Stressiges besser auszuhalten. Es wäre falsch das zu behaupten. Aber manchmal denke ich, bin schneller wieder ‚unten‘, wenn es etwas Angstauslösendes gibt. Aber diese ‚Besserung‘ ist so marginal, dass man kaum von einer Besserung sprechen könnte. Jedes SSRI hat bisher stärker gewirkt. Leider.

Es ist aber etwas ‚im Busch‘ bei mir und das hat mit Baclofen zu tun. Diese ‚gewisse Ruhe‘, wie ich sie vorhin nannte. Ich habe noch keinen blassen Schimmer, wohin mich das führt und ob sich das noch verstärkt (so das man es eine wirkliche Besserung nennen könnte), aber da die Nebenwirkungen soweit verringert sind, dass es nicht wirklich stört, kann ich sicher noch etwas abwarten. Sicher sollte ich auch noch höher dosieren. Für ein so großes Kerlchen wie mich ist 30mg/d sicher nicht das Ende der Fahnenstange.

Was ich aber z.B. nicht habe ist sowas wie eine ‚Antriebssteigerung‘, wie es manche berichten. Ich könnte genauso den ganzen Tag ‚rumschlumpfen‘ wie bisher. Der Schlaf ist noch immer sehr gut, auch wenn ich Morgens nicht mehr so frisch bin, wie zu Beginn vom Baclofen.

Was es garnicht ändert, ist die Art, die ich ‚denke‘. Sprich meine ‚angstvorbereitenden‘ Gedanken sind keinesfalls verringert. Das macht es für mich als Angsterkrankten kaum erträglicher als bisher, da die eigentliche Angst nicht das alleinige Problem ist, sondern meine vorhergehenden Gedanken und Vermeidungen aus Angst vor der Angst. Hier greift Baclofen bisher garnicht. Aber das ist auch so sehr unverständlich auch nicht. Denn Gedanken, die sich in 25 Jahren manifestiert haben. Erwartungen auf Grund vom jahrelang Erlebtem einfach auszulöschen; das, so glaube ich, das ist auch keine leichte Aufgabe. Weder für mich noch für Baclofen. Daher will ich noch etwas geduldig sein –  wäre nur gerecht 😉

Obwohl es schneit, werden die Tage im Blog hier also wohl noch etwas länger werden als bisher. Fall sich der eine oder andere vielleich sogar Sorgen gemacht hatte, ob ich aufgehört habe, dem sei gesagt: Neeee, so schnell bin ich nicht klein zu kriegen. Ich bin ein Feigliing, aber ein Ausdauernder 😉 Und solange ich NWs irgendwie aushalten kann, solange kann ich auch stur sein.

Sollte ich also gedenken Baclofen hinzuschmeissen, dann wird es brav angekündigt!

LG Petrocelli