Schöne Scheiße, vielen Dank!

Ganz großes Kino! Ich weiß nicht, was das für eine Entwicklung in meiner Angsthistorie wird, aber es gefällt mir ganz und garnicht.
Ich bin Agorophobiker, mit allem drum und dran (ja, ich nehme mein Döner auch mit Zaziki). Das heisst nichts anderes, dass ich natürlich auch meine Vermeidungen gut kenne. Mich selbst ertappe! Bei allem Übel sorgt das aber wenigstens zwischen all den Situationen, vor denen ich mittlerweile Angst habe, aber auch für die Option sich mal eine Auszeit zu nehmen. Sich zuhause einzubuddeln und zu wissen, wenigstens bist Du hier sicher. Hier brauchst Du keine Angst haben (warum mein kleines Köpfchen das bisher auch immer gedacht haben mag).

Es war also eine Art Agreement, das ich wohl mit meiner Angst getroffen hatte – Du darfst bleiben, aber lass mich wenigsten hier und da mal Luft holen. Nun ja, ich schätze in diesem Sommer wurde diese Vereinbarung von einer Seite aufgelöst. Und Ihr habt es bereits erraten: nicht von meiner Seite.

Ich durfte in den vielen Therapien ja auch lernen, das Panikattacken ja ’nur‘ max. 20 Minuten andauern können. So war die einhellige Meinung der hochgeschätzten Therapeuten, da spätestens dann der Adrenalinspeicher des Körpers geleert sei.

Alle mal hergehört: Ich habe einen Zusatztank!

Denn seit der Auflösung der stillen Vereinbarung zwischen mir und meiner Angst, gibt es manchmal Tage, an denen ist die Angst (Jaja, Herr Doktor, nicht die finale Attacke, aber ich möchte Ihnen das ‚Vorspiel‘ auch nicht wünschen) über Stunden präsent. So massiv, dass ich ständig mit dem Ausbruch der eigentlichen Attacke rechnen muss, jedoch nie weiß, wann sie kommt. Ich bin völlig unfähig mich auf irgendwas zu konzentrieren während einen dieses Angstgefühl ständig mit mehr droht. Und natürlich wird das lange warten ‚belohnt‘, eine abschliessende Panikattacke kommt. Dann kommt freundlicher Weise mein Zusatztank zum Einsatz: Wenn ich früher nach einer Panikattacke immer wusste, ich habe wahrscheinlich einen angstfreien Tag vor mir, oder wenigstens viele Stunden, so sind es in diesen Tagen manchmal nur wenige Minuten und es geht wieder unvermittelt von vorne los. Auch das teilweise euphorisch wirkende Gefühl eine angsterfüllende Situation durchstanden zu haben, kommt leider garnicht mehr auf. Was zusätzlich frustrierend ist. Dieses Gefühl, was für viele Patienten durch den ‚Erfolg‘ auch sein Gutes tut (bei mir leider nie einen Lerneffekt hervorrief) bedeutete aber immer einen Abschluss, einen Moment, der Erholung für eine gewisse Zeit versprach.

Diese Erholung fehlt nun schon lange und ich rette mich von Tag zu Tag. Ein Grund mehr, warum ich sehr viel Hoffnung auf Baclofen setze, dass ich hoffentlich in den nächsten Tagen off-Label erhalte. Da seit diesem Sommer das Muskelzittern ein zwar gut bekanntes, aber nun verstärktes Phänomen ist, spricht für mich einiges, dass es mit Baclofen gebessert werden kann, Schließlich gibt es genau dafür eine Zulassung für Baclofen, denn es ist ein Muskelrelaxant. Zusätzlich weiß man, dass viele Benzodiazepine, die zwar abhängigmachend sind, aber sehr sehr gut gegen Ängste helfen, nicht nur auf den GABAa Rezeptor wirken, sondern auch gerne auf den GABAb Rezeptor und damit auch muskelentspannend sind, was einen nicht unerheblichen Teil der angstlösenden Wirkung ausmacht. Man fühlt sich einfach ‚locker‘.

Diese Wirkung wird auch von Olivier Ameiesn in seinem Buch ‚Das Ende meiner Sucht‘ und von anderen Personen, die Baclofen einnehmen berichtet. Z.B. Gut zu lesen in den verschiedenen Erfahrungsberichten unter http://www.alkohol-und-baclofen-forum.de. Ihr seid keine Alkoholiker? Herzlichen Glückwunsch! Aber dem Alkoholismus liegt sehr, sehr, sehr oft eine andere Krankheit zu Grunde: genau, ihr habt es erraten, die Angststörung. Viele Alkoholkranke erfahren das erst nach Jahren, was schlimm genug ist.

So langsam schleicht sich endlich am Ende diesen Tages eine Müdigkeit ein, die ich gerne zum Einschlafen nutzen möchte. Also: Gute Nacht!

Immer wieder nichts gelernt….

Tjaja, es ist schon faszinierend. 25 Jahre bin ich nun angstgestört und gelernt habe ich wohl nix. Heute war wieder ’so ein‘ Tag: Mit dem üblichen Auf und Ab und mittendrin kommt mindestens eine Gelegenheit für eine Panikattacke. Heute war es aber weniger DER Auslöser, dem ich das Gefühl zuordnen konnte, sondern – wie gerade in den letzten Jahren vermehrt – es summierte sich ein unangenehmes Gefühl über den Tag, das fast einer dauernden Angst entspricht, die aber nicht die Stärke einer Attacke hat. Aber das ist fast noch gemeiner, ein Gefühl, das ständig mit der Attacke droht, das Du einfach nicht runterdrücken kannst. Du weisst auch nicht, wann es Dich an so einem Tag erwischt, aber es erwischt Dich! Soviel ist sicher!

In irgendeiner meiner Therapien wurde mir „beigebracht“, wenn ich die Angst oft genug erlebe (vor allem die situationsbezogene), dann würde ich adaptieren und meine Angst würde verschwinden. Wurde mir beigebracht? Tja, das war wohl ein versehen…. Bin ich deshalb nicht therapierbar? Ich weiß es nicht – von den Therapeuten hört man dann gerne „Sie legen sich dad eine Menge gute Gründe hin, warum es nicht klappen kann.“

Jaaaaahaaa – genau! Ich bin schon ein Schelm, ich mach sowas! Hauptsache mein Leben ist bloß nicht langweilig. Immer her mit der Angst, ich bin in Adrenalinjunkie.

Aber ich will auch nicht gemein sein, einige von den Therapeuten, den ich als Privatpatient das Haus abbezahlt habe, waren auch wirklich gut. Ich wollte wohl nicht…..

Sind „diese“ Tage gezählt?

Am gestrigen Tage hatte ich mal wieder eine heftigere Attacke. Ich musste in eine Situation, in der ich verschiedene „Prozeduren“ abwarten und damit aushalten musste. Für jeden anderen wäre dies ein ganz normales:

A) eine Autofahrt (natürlich nicht alleine – das wäre ja zu schön!) von ca. 20 Minuten
B) warten vor einem (ich mit meinem dämlichen Anhängerchen zwischen all den dicken Brummis) Wiegehäuschen
C) dem Wissen: hier kommst Du so schnell nicht Order vom Gelände, denn dann erwartet Dich die gleiche Prozedur!
D) einen Gabelstablerfahrer finden, der mir mein Zeug von diesen Millionen Paletten holt
E) wieder durch diese verkackte Wiegehäuschen und runter vom Gelände
F) natürlich wieder die Fahrt nach Hause

Ok, alle ‚Profis‘ (so nenne ich gerne all die armen Schweine, die wie ich diese Krankheit schon viel zu lange haben) unter uns wissen, wo es geknackt hat: spätestens als mein Kopf bei Punkt C) war und ich in Situation B) hing.
Das volle Programm mit allem was dazu gehört. (Da dies meine ersten Post im Blog sind und noch keine anderen Infos über mit da sind: was so dazu gehört und wichtige Stationen meines Lebens füge ich nach und nach in den Blog ein. In den Kategorien ‚Historie‘ findet man dann mehr

Selbstverständlich habe ich auch diesen Tag überlebt und im Nachhinein kommt es Mr mindestens so dämlich. Vor, wie allen, die diese Krankheit nicht haben. Kann ich mir leider auch nix für kaufen, denn niemand hat diese scheiß Angststörung bestellt.

Und wieder ein Blog….

Vor zwei – nein, es sind schon drei – Tagen war ich bei meiner Ärztin. Mal wieder. Und mal wieder hatte ich etwas „Neues“ im Gepäck.

Ich bin einer der Angstpatienten, der es einfach nicht hinnehmen will, was mir gemeinhin ALLE zu meiner Krankheit sagen ( wobei die, die es wirklich als Krankheit sehen – und nicht einfach nur als Schwäche – eher zur Ausnahme gehören ): „Nimm die Angst, wie sie ist. Sie wird Dein ständiger Begleiter, blablabla“.

Und was es ’noch schlimmer‘ macht: Ich besitze auch noch die Frechheit zu denken, das alles durch ein chemisches Ungleichgewicht verursacht wird. Sämtliche Psychologen bekommen bei diesem Gedanken chronischen Reizhusten und winken ab – ich weiß.

Aber wie erwähnte ich Eingangs? Ich war bei meiner Ärztin! Und was ich immer mal wieder im Gepäck habe, ist ein ’neues Medikament‘. Es gibt Ärzte, die finden das mindestens so ermüdet wie juckender Fusspilz, aber meine Lieblingsärztin ( Oja, ich gehe zu mehreren – falls mal einer schlapp macht…. ) hört mir zu und ist sich sehr wohl über den Leidensdruck bei all meinem Sarkasmus bewusst. Deswegen kann ich sehr gut auch mal über ungewöhnliche Optionen mit ihr reden. Wie dieses mal.

Ungewöhnlich ist dieses Medikament deswegen, weil es nicht für Angststörungen oder wenigstens für Depressionen zugelassen ist: Baclofen.

Es ist ein gabanerg (GABAb) wirkendes Medikament, das zur Muskelrelaxion eingesetzt wirkt. Es wird seit einiger Zeit off-Label bei Alkoholsucht angewendet, nachdem ein ehemals alkoholsüchtiger Herzchirurg sich mit diesem Medikament selbst geheilt hat und ein Buch über diesen Weg geschrieben hat (Olivier Ameisen, „Das Ende meiner Sucht“).
Er stoss damit eine Welle an, die hoffentlich nicht mehr aufzuhalten ist.

Es gibt auch ein wunderbares Forum zu diesem Thema, das nicht nur für Alkoholkranke, sondern auch für Angsterkrankte von Interesse sein sollte: http://alkohol-und-baclofen-Forum.de.

Ich werde nun (hoffentlich) in den nächsten Tagen den eigenen Selbstversuch nach 25 Jahren Angststörung starten und möchte in diesem Blog allen die Möglichkeit geben das von mir erlebte zu verfolgen und – wenigstens, wenn es gut verläuft – auch zu versuchen.

Zugegeben – selbst wenn die oben erwähnte Ärztin nicht bereit sein sollte, diesen Weg mit mir zu gehen, ich würde solange an Türen klopfen, bis ich jemanden finde…