Paroxetin

http://de.wikipedia.org/wiki/Paroxetin

Paroxetin war das zweite Medikament, dass ich gegen meine Ängste bekommen habe. Mittlerweile einige Jahre her, aber die wichtigsten Dinge weiß ich wohl noch (wobei tatsächlich ein nicht unerheblicher Gedächtnisverlust teil der Nebenwirkungen für mich war).

Nachdem ich mit Stangyl (Trimipramin) ‚herunter‘ gefahren wurde, begann ich Paroxetin einzuschleichen. Zu dieser Zeit machte ich bereits seit Monaten eine Expositionstherapie, die aber wiederum seit Wochen stagnierte. Nach ca. 3-4 Wochen merkte ich tatsächlich einen Zuwachs an positiver Motivation und einen Rückgang der Gedanken um mögliche Ängste, die durch das ausgelöst werden könnten, was ich da gerade tue. Ursprünglich waren meine Ängste wohl unter einer Agoraphobie einzuorden, was sie mittlerweile definitiv nicht mehr sind. Am Fortschritt der besagten Expositionstherapie konnte man die Wirkung von Paroxetin am besten sehen. Und hier tat sich wirklich einiges. Vieles was jahrelang unmöglich erschien, war nun möglich. Ich war nicht entspannter, aber ich war auf eine positive Weise aktiver. Aber auch diese Entwicklung hatte klare Grenzen. Ich wäre nie mit dem Auto in eine andere Stadt gefahren oder ähnliches, es war aber für jemanden, der vorher nur Zuhause war und auch dort nie alleine sein konnte, ein echter Fortschritt mal in einen anderen Stadtteil zu fahren, um einen Freund zu besuchen oder morgens einfach Brötchen zu holen.

Es stellte sich aber nie ein Gefühl echter Angstfreiheit oder Entspannung ein – manchmal im Gegentail. Es war besser als ohne Tabletten, aber nichts, was man Heilung oder Ähnliches nennen wollte.

Die offensichtlichen Nebenwirkungen, wie starkes Schwitzen, Potenzstörungen und leichter Durfall, gingen im Laufe der Zeit zurück, aber verschwanden nie. Der ständige Gedächtnisverlust (der sicher auch half die Angst zu vergessen) war für mich selbst schon sehr anstrengend, aber für mein Umfeld fast noch mehr. Bedeutend schlimmer war aber, dass ich in dieser Zeit zu einem echten Egoisten geworden bin, was vor allem manische Züge annahm. Ich vermute eine gewisse Vorbelastung, das dies bei mir verstärkt auftrat (ist eine der Gegenanzeigen, wenn manische Episoden bekannt sind). Obwohl solche ‚manischen Episoden‘ bei mir vorher nicht bekannt waren und übrigens unter anderen SSRIs, die ich später auch genommen habe, nicht aufgetreten sind.

Einen Anstieg von Ängsten, wie einige Patienten berichten, hatte ich garnicht. Aber die Theorie, dass ein angetriebener Geist vor lauter Ativität nur ‚gut drauf‘ ist, könnte vielleicht bei Depressionen gut funktionieren, aber bei Ängsten…. Tja, für mich ist die Vorstellung, wie ich mich irgendwann fühlen möchte eine andere. Dennoch: Paroxetin war eines der ‚besseren‘ Medikamente bzgl. der Wirkung, also in meinen Augen immer einen Versuch wert. Die Nebenwirkungen wären jedoch für mich heute nicht mehr akzeptabel, aber da reagiert jeder anders – das muss man einfach ausprobieren, so platt es klingt.

Schöne Scheiße, vielen Dank!

Ganz großes Kino! Ich weiß nicht, was das für eine Entwicklung in meiner Angsthistorie wird, aber es gefällt mir ganz und garnicht.
Ich bin Agorophobiker, mit allem drum und dran (ja, ich nehme mein Döner auch mit Zaziki). Das heisst nichts anderes, dass ich natürlich auch meine Vermeidungen gut kenne. Mich selbst ertappe! Bei allem Übel sorgt das aber wenigstens zwischen all den Situationen, vor denen ich mittlerweile Angst habe, aber auch für die Option sich mal eine Auszeit zu nehmen. Sich zuhause einzubuddeln und zu wissen, wenigstens bist Du hier sicher. Hier brauchst Du keine Angst haben (warum mein kleines Köpfchen das bisher auch immer gedacht haben mag).

Es war also eine Art Agreement, das ich wohl mit meiner Angst getroffen hatte – Du darfst bleiben, aber lass mich wenigsten hier und da mal Luft holen. Nun ja, ich schätze in diesem Sommer wurde diese Vereinbarung von einer Seite aufgelöst. Und Ihr habt es bereits erraten: nicht von meiner Seite.

Ich durfte in den vielen Therapien ja auch lernen, das Panikattacken ja ’nur‘ max. 20 Minuten andauern können. So war die einhellige Meinung der hochgeschätzten Therapeuten, da spätestens dann der Adrenalinspeicher des Körpers geleert sei.

Alle mal hergehört: Ich habe einen Zusatztank!

Denn seit der Auflösung der stillen Vereinbarung zwischen mir und meiner Angst, gibt es manchmal Tage, an denen ist die Angst (Jaja, Herr Doktor, nicht die finale Attacke, aber ich möchte Ihnen das ‚Vorspiel‘ auch nicht wünschen) über Stunden präsent. So massiv, dass ich ständig mit dem Ausbruch der eigentlichen Attacke rechnen muss, jedoch nie weiß, wann sie kommt. Ich bin völlig unfähig mich auf irgendwas zu konzentrieren während einen dieses Angstgefühl ständig mit mehr droht. Und natürlich wird das lange warten ‚belohnt‘, eine abschliessende Panikattacke kommt. Dann kommt freundlicher Weise mein Zusatztank zum Einsatz: Wenn ich früher nach einer Panikattacke immer wusste, ich habe wahrscheinlich einen angstfreien Tag vor mir, oder wenigstens viele Stunden, so sind es in diesen Tagen manchmal nur wenige Minuten und es geht wieder unvermittelt von vorne los. Auch das teilweise euphorisch wirkende Gefühl eine angsterfüllende Situation durchstanden zu haben, kommt leider garnicht mehr auf. Was zusätzlich frustrierend ist. Dieses Gefühl, was für viele Patienten durch den ‚Erfolg‘ auch sein Gutes tut (bei mir leider nie einen Lerneffekt hervorrief) bedeutete aber immer einen Abschluss, einen Moment, der Erholung für eine gewisse Zeit versprach.

Diese Erholung fehlt nun schon lange und ich rette mich von Tag zu Tag. Ein Grund mehr, warum ich sehr viel Hoffnung auf Baclofen setze, dass ich hoffentlich in den nächsten Tagen off-Label erhalte. Da seit diesem Sommer das Muskelzittern ein zwar gut bekanntes, aber nun verstärktes Phänomen ist, spricht für mich einiges, dass es mit Baclofen gebessert werden kann, Schließlich gibt es genau dafür eine Zulassung für Baclofen, denn es ist ein Muskelrelaxant. Zusätzlich weiß man, dass viele Benzodiazepine, die zwar abhängigmachend sind, aber sehr sehr gut gegen Ängste helfen, nicht nur auf den GABAa Rezeptor wirken, sondern auch gerne auf den GABAb Rezeptor und damit auch muskelentspannend sind, was einen nicht unerheblichen Teil der angstlösenden Wirkung ausmacht. Man fühlt sich einfach ‚locker‘.

Diese Wirkung wird auch von Olivier Ameiesn in seinem Buch ‚Das Ende meiner Sucht‘ und von anderen Personen, die Baclofen einnehmen berichtet. Z.B. Gut zu lesen in den verschiedenen Erfahrungsberichten unter http://www.alkohol-und-baclofen-forum.de. Ihr seid keine Alkoholiker? Herzlichen Glückwunsch! Aber dem Alkoholismus liegt sehr, sehr, sehr oft eine andere Krankheit zu Grunde: genau, ihr habt es erraten, die Angststörung. Viele Alkoholkranke erfahren das erst nach Jahren, was schlimm genug ist.

So langsam schleicht sich endlich am Ende diesen Tages eine Müdigkeit ein, die ich gerne zum Einschlafen nutzen möchte. Also: Gute Nacht!