Diagnose 2.0

So, ist zwar schon 3 Tage her, aber ich wollte es doch noch in den Blog schreiben.

Die gute Nachfolgerin meines langjährigen Neurologen ist doch eine wirklich erfreuliche Überraschung gewesen (naja, sie ist es noch immer). Ursprünglich hatte ich ja befürchtet, zum x-ten Mal jemanden zu erleben, den es nicht interessiert, nur seinen kleinen Senf hinzugibt und fertig. Und bloss nicht zuviel eigenen Senf, weil dann müssten die Damen und Herren sich ja womöglich für das Thema interessieren (manchmal glaube ich, die befürchten innerlich, es sei doch ansteckend….) und als Angstpatient bekommt man seinen Stempel leider schneller als ein Teenie an der Discokasse. Wenn der Grund für diesen Stempel vom Vorarzt stammt – umso besser. So kann man sich eine mögliche Fehldiagnose immer gleich mit einem anderen Arzt ‚teilen‘.

Die Gute ist da aber anders gelagert. So scheint es immerhin. Und ich denke es liegt nicht nur daran, dass Sie eine ‚richtige‘ Psychologin – statt Neurologin – ist (sie war Oberärztin in einer psychatrischen Fachklinik), sondern sie scheint sich wenigstens in einem gewissen Masse sogar für den Patienten zu interessieren. Sie will sich offensichtlich ein eigenes Bild machen (sogar im wahrsten Sinne des Wortes – aber dazu später).

Ich erzählte zuerst natürlich die übliche Historie herunter. Schließlich kann sie nichts für die anderen, die nichts daraus gemacht haben. Sie notierte sich einiges im Computer  (oder vielleicht nur eine eMail an ihren Schatzie?? 🙂 ) und verwies bei ihren Nachfragen gerne darauf, das die Kriggelschrift ihres Vorgängers schlicht nicht zu entziffern war. Ich habe es gesehen – da hatte sie wohl Recht….

Natürlich wollte ich sie auch auf meine ’neue Theorie‘ ansprechen und erwähnte besonders deutlich meine körperlichen Empfindungen in Beinen und Armen. Diese ständige Unruhe, die Unfähigkeit einzuschlafen etc. Ich sagte, dass ich auf Grund dieser Symptome glaube (immer mit dem ‚Trevilor-Erlebnis‘ und der ADHS Diagnose im Hintergrund), es könnte doch das sog. Restless Legs Syndrom sein, dass ‚unter‘ allem schlummert und mir die Nerven raubt. Schließlich ist es zwar häufig erst ab dem dreißigsten Lebensjahr zu finden, aber doch auch bei anderen schon im Jugend- / Kindesalter.

Sie stimmte mir ohne weiteres zu (wobei sie natürlich nicht meinte, es wäre RLS und nicht eine dicke Angststörung). Denn es wäre auch bei RLS nicht ‚unüblich‘, dass diese unbehandelt – wie ADHS – schnell andere Komorbiditäten wie Depressionen und Ängste addiert. Ob das – wenn es denn RLS ist – die Ängste vermindert, darüber ließ sie sich schlauer Weise garnicht erst aus. Sie scheint wenig der Typ für Spekulationen zu sein, aber der Typ für sinnvolle Tests und/oder Ausschlüsse – wie man es denn sehen mag.

Entsprechend kam Sie sofort auf einen Test mit Levodopa (L-Dopa), der natürlichen Dopaminvorstufe, mit der u.a. auch Parkinsonpatienten behandelt werden. Die Störung am Dopaminsystem ist bei ADHS und RLS sehr ähnlich, aber an unterschiedlichen ‚Stellen‘ manifestiert, so dass es zwar zu Überschneidungen in der Symptomatik kommen kann, aber man unterschiedliche Medikamente benutzt, obwohl alle gemeinsam auf das Dopaminsystem gehen. Ritalin scheint z.B. bei RLS nichts zu helfen, andere Dopaminagonisten scheinbar mehr bei RLS und Parkinson, aber nicht bei ADHS.

Bei RLS ist ein L-Dopa Test eine sog. ‚Diagnosis ex juvantibus‘  – also eine Diagnose durch Heilung. Sprich, wenn das Zeug hilft, dann war es wohl RLS 😉 Und tatsächlich soll schon bei der ersten Gabe von Levodopa ein positiver Effekt eintreten, wenn es denn die richtige Schraube ist.

Genau darauf wollte ich ja hinaus – ich wollte Levodopa um festzustellen, ob die körperlichen Symptome – die für mich die Quelle meiner Unruhe und Ängste sind – damit gestoppt werden können. Denn nach wie vor glaube ich, ich bin nur halb so bekloppt, wie wenigstens die Psychotherapeuten und sicher auch Teile meiner Umwelt das so meinen. Aber mal ehrlich – wenn man über zig Jahre von einem unerträglichem Gekribbel und Gewuschel in Beinen und Armen genervt wird und alle sagen: da ist nix, dann fragst Du Dich a) ‚wie irre bist Du eigentlich?‘ und b) ‚was mag noch kommen, von Du glaubst es ist da und andere sagen, Du bildest es Dir ein…‘. Und ich darf allen sagen: das ist nicht witzig. Sprüche wie ’stell Dich nicht so an‘, sind dann gerne die automatisch folgende Krönung aus dem Umfeld.

Für mich ist jedenfalls spätestens seit dem Erlebnis mit Trevilor vor einigen Jahren klar, dass es da noch etwas ‚technisches‘ geben muss. Und ich mir einfach nicht alles einbilde, worunter ich so lange leide. Wie hätte es sonst so deutlich ‚verschwinden‘ können? Ja, ich höre die Psychologen über die ‚Wunder des Geistes‘ reden und was der alles kann, aber wenn ich denen das Knie breche, kommen die mit dem Geist auch nicht weiter. Kaputt ist kaputt. Und ich bin mir sicher, die Medizin hat nur Bruchteile unseres System erkannt und kann deshalb nicht jede Fehlfunktion entdecken, die auf chemischer Basis ablaufen. Und der Geist ist nun mal Elektrochemie – mindestens in großen Teilen. Warum es mit Trevilor nicht nochmal genauso funktioniert hat? Tja, das weiß ich allerdings auch nicht, aber ich behaupte ja garnicht, dass ich weiß, sondern, dass ich suche.

Wie auch immer, ich werde jetzt brav für Frau Doktor meine bisherigen Medikamente mit ungefährer Zeit, Dosis und Neben-/Wirkungen notieren und dann sehe ich sie schon am nächsten Montag wieder. Dann wollte sie den L-Dopa Test mit mir machen (ähm, in der Praxis, oder nehme ich was mit nach Hause??…hmm..) und schauen, was ich in Sachen Medikamente vielleicht noch garnicht genommen habe (Kann kaum glauben, dass es da noch was gibt :p )

Achja – noch die Sache mit dem ein eigenes Bild machen. Sie fragte, wann denn das letzte mal ein MRT von meinem Kopf gemacht wurde??!? Als ich das mit einem ’noch nie‘ beantwortete schüttelte sie verwirrt den Kopf und schrieb noch eine eMail an ihren Freund…..
Jedenfalls will sie, dass ich da irgendwo kurzfristig einen Termin mache, um Läsionen etc. auszuschließen. Sie sagte, dass man mittlerweile so einiges auf den Bildern sehen kann und es sich – sei es nur zum Ausschluss – lohnt dies abzuklopfen.
Ich bin also nicht der einzige, der nicht nur an die ungreifbare ‚Psyche‘ glaubt. Diagnose 2.0 eben….

LG Petrocelli

Und wieder ein Blog….

Vor zwei – nein, es sind schon drei – Tagen war ich bei meiner Ärztin. Mal wieder. Und mal wieder hatte ich etwas „Neues“ im Gepäck.

Ich bin einer der Angstpatienten, der es einfach nicht hinnehmen will, was mir gemeinhin ALLE zu meiner Krankheit sagen ( wobei die, die es wirklich als Krankheit sehen – und nicht einfach nur als Schwäche – eher zur Ausnahme gehören ): „Nimm die Angst, wie sie ist. Sie wird Dein ständiger Begleiter, blablabla“.

Und was es ’noch schlimmer‘ macht: Ich besitze auch noch die Frechheit zu denken, das alles durch ein chemisches Ungleichgewicht verursacht wird. Sämtliche Psychologen bekommen bei diesem Gedanken chronischen Reizhusten und winken ab – ich weiß.

Aber wie erwähnte ich Eingangs? Ich war bei meiner Ärztin! Und was ich immer mal wieder im Gepäck habe, ist ein ’neues Medikament‘. Es gibt Ärzte, die finden das mindestens so ermüdet wie juckender Fusspilz, aber meine Lieblingsärztin ( Oja, ich gehe zu mehreren – falls mal einer schlapp macht…. ) hört mir zu und ist sich sehr wohl über den Leidensdruck bei all meinem Sarkasmus bewusst. Deswegen kann ich sehr gut auch mal über ungewöhnliche Optionen mit ihr reden. Wie dieses mal.

Ungewöhnlich ist dieses Medikament deswegen, weil es nicht für Angststörungen oder wenigstens für Depressionen zugelassen ist: Baclofen.

Es ist ein gabanerg (GABAb) wirkendes Medikament, das zur Muskelrelaxion eingesetzt wirkt. Es wird seit einiger Zeit off-Label bei Alkoholsucht angewendet, nachdem ein ehemals alkoholsüchtiger Herzchirurg sich mit diesem Medikament selbst geheilt hat und ein Buch über diesen Weg geschrieben hat (Olivier Ameisen, „Das Ende meiner Sucht“).
Er stoss damit eine Welle an, die hoffentlich nicht mehr aufzuhalten ist.

Es gibt auch ein wunderbares Forum zu diesem Thema, das nicht nur für Alkoholkranke, sondern auch für Angsterkrankte von Interesse sein sollte: http://alkohol-und-baclofen-Forum.de.

Ich werde nun (hoffentlich) in den nächsten Tagen den eigenen Selbstversuch nach 25 Jahren Angststörung starten und möchte in diesem Blog allen die Möglichkeit geben das von mir erlebte zu verfolgen und – wenigstens, wenn es gut verläuft – auch zu versuchen.

Zugegeben – selbst wenn die oben erwähnte Ärztin nicht bereit sein sollte, diesen Weg mit mir zu gehen, ich würde solange an Türen klopfen, bis ich jemanden finde…