Warten auf Godot….

So ist das mit Dingen, von denen man glaubt zu wissen wie sie sind. Man stellt irgendwann fest, das man vielleicht garnichts weiß. Ich glaube so geht es mir manchmal; ich glaube zu wissen, wie das so mit meiner Angststörung ist, wie ich wann reagiere, wo ich vermeide usw. Und plötzlich: Peng! Alles im Arsch.

Ich habe ich den letzten Jahren schon öfter auf Medikamente ‚gewartet‘. Und – da hat meine liebe Frau sicher recht – bevor ich dann ‚tatsächlich‘ das jeweilige Medikament einnehme und auf die ersehnte Heilung hoffe, mache ich einige Rückschritte. Das müsste man eigentlich so hinnehmen und sich entspannen. Sich deswegen wenigstens nicht tagelang schlechtere fühlen. Ärgern kann man sich immer noch, wenn das neue Medikament mal wieder nichts bringt. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich es mir so leicht machen würde. Wo bliebe da der Spass für den Angstgestörten?

Also mache ich es mir die letzten Tage schwerer als ‚gewohnt‘ – natürlich ’sehe‘ ich dabei NICHT die Theorie meiner Frau als Ursache. Wo käme ich denn da hin, wenn ich so eine Wink mit dem Zaunpfahl verstehen würde. Wäre ich da geheilt? Ich weiß es nicht. Ich kann es hören, wiederholen, es in meinem Blog schreiben und sogar mit dem Kopf verstehen. Aber es kommt einfach nicht im Bauch an. Da wo sich die unangenehmen Gefühle entwickeln und ihren verdammten Siegeszug durch den Körper beginnen.

An solchen Punkten frage ich mich wirklich, ob ich noch alle Lampen am Schirm habe…. Jeder andere würde diesen Mechanismus doch auch erkennen und entsprechend reagieren, oder? Der Witz ist ja noch, wenn ich das von einem Freund erzählt bekommen würde, so würde ich ihm noch sagen, er sollte mal klar kommen und nicht so einen Quatsch veranstalten.

Tja, aber wie ich es drehe und wende – ich fühle mich in diesen Tagen (ja, in denen ich auf Baclofen warte) mächtig beschissen. Und was ich bisher eigentlich nie kannte, ich fühle mich nichtmal mehr zu Hause richtig sicher. Und gewohnte Strecken, die ich mit meiner Frau immer gut schaffen konnte, werden im Moment zur Qual.

Also, was lerne ich daraus? Wahrscheinlich nichts, denn mit dem Lernen bzgl. meiner Angsterkrankung habe ich es trotz langjähriger Erfahrung offensichtlich nicht wirklich. Ich werde es also bis zu dem Moment aushalten müssen, in dem ich Baclofen erhalte. Der spanische Versender sprach von 4-6 Tagen ( Ich würde ja sooooo gerne bei ihm nachfragen, ob er das Wochenende mitrechnet oder nicht 😉 ). Ansonsten gibt es noch den nächsten Termin mit meiner Ärztin, aber ich muss gestehen, wenn ich das letzte Gespräch so revue passieren lasse, dann bin ich mir garnicht mehr so sicher, ob sie es mir überhaupt geben wird. Aber das ist mir zum Glück egal.

Vielleicht sollte ich mir so einen kleinen ‚Auskreuzkalender‘ basteln, wie wir es in langweiligen Urlauben als Kinder gemacht haben: Erst wird ein Kalender gemalt – mit richtig grooooßen Kästchen für jeden Tag – dann wird jeden Tag der entsprechende Kasten schwarz gekritzelt. Bis der ganze Kalender aus einem großen Gekritzel besteht.

Tja, ich glaube ich hole mir gleich mal ein großes Blatt Papier……..

Schöne Scheiße, vielen Dank!

Ganz großes Kino! Ich weiß nicht, was das für eine Entwicklung in meiner Angsthistorie wird, aber es gefällt mir ganz und garnicht.
Ich bin Agorophobiker, mit allem drum und dran (ja, ich nehme mein Döner auch mit Zaziki). Das heisst nichts anderes, dass ich natürlich auch meine Vermeidungen gut kenne. Mich selbst ertappe! Bei allem Übel sorgt das aber wenigstens zwischen all den Situationen, vor denen ich mittlerweile Angst habe, aber auch für die Option sich mal eine Auszeit zu nehmen. Sich zuhause einzubuddeln und zu wissen, wenigstens bist Du hier sicher. Hier brauchst Du keine Angst haben (warum mein kleines Köpfchen das bisher auch immer gedacht haben mag).

Es war also eine Art Agreement, das ich wohl mit meiner Angst getroffen hatte – Du darfst bleiben, aber lass mich wenigsten hier und da mal Luft holen. Nun ja, ich schätze in diesem Sommer wurde diese Vereinbarung von einer Seite aufgelöst. Und Ihr habt es bereits erraten: nicht von meiner Seite.

Ich durfte in den vielen Therapien ja auch lernen, das Panikattacken ja ’nur‘ max. 20 Minuten andauern können. So war die einhellige Meinung der hochgeschätzten Therapeuten, da spätestens dann der Adrenalinspeicher des Körpers geleert sei.

Alle mal hergehört: Ich habe einen Zusatztank!

Denn seit der Auflösung der stillen Vereinbarung zwischen mir und meiner Angst, gibt es manchmal Tage, an denen ist die Angst (Jaja, Herr Doktor, nicht die finale Attacke, aber ich möchte Ihnen das ‚Vorspiel‘ auch nicht wünschen) über Stunden präsent. So massiv, dass ich ständig mit dem Ausbruch der eigentlichen Attacke rechnen muss, jedoch nie weiß, wann sie kommt. Ich bin völlig unfähig mich auf irgendwas zu konzentrieren während einen dieses Angstgefühl ständig mit mehr droht. Und natürlich wird das lange warten ‚belohnt‘, eine abschliessende Panikattacke kommt. Dann kommt freundlicher Weise mein Zusatztank zum Einsatz: Wenn ich früher nach einer Panikattacke immer wusste, ich habe wahrscheinlich einen angstfreien Tag vor mir, oder wenigstens viele Stunden, so sind es in diesen Tagen manchmal nur wenige Minuten und es geht wieder unvermittelt von vorne los. Auch das teilweise euphorisch wirkende Gefühl eine angsterfüllende Situation durchstanden zu haben, kommt leider garnicht mehr auf. Was zusätzlich frustrierend ist. Dieses Gefühl, was für viele Patienten durch den ‚Erfolg‘ auch sein Gutes tut (bei mir leider nie einen Lerneffekt hervorrief) bedeutete aber immer einen Abschluss, einen Moment, der Erholung für eine gewisse Zeit versprach.

Diese Erholung fehlt nun schon lange und ich rette mich von Tag zu Tag. Ein Grund mehr, warum ich sehr viel Hoffnung auf Baclofen setze, dass ich hoffentlich in den nächsten Tagen off-Label erhalte. Da seit diesem Sommer das Muskelzittern ein zwar gut bekanntes, aber nun verstärktes Phänomen ist, spricht für mich einiges, dass es mit Baclofen gebessert werden kann, Schließlich gibt es genau dafür eine Zulassung für Baclofen, denn es ist ein Muskelrelaxant. Zusätzlich weiß man, dass viele Benzodiazepine, die zwar abhängigmachend sind, aber sehr sehr gut gegen Ängste helfen, nicht nur auf den GABAa Rezeptor wirken, sondern auch gerne auf den GABAb Rezeptor und damit auch muskelentspannend sind, was einen nicht unerheblichen Teil der angstlösenden Wirkung ausmacht. Man fühlt sich einfach ‚locker‘.

Diese Wirkung wird auch von Olivier Ameiesn in seinem Buch ‚Das Ende meiner Sucht‘ und von anderen Personen, die Baclofen einnehmen berichtet. Z.B. Gut zu lesen in den verschiedenen Erfahrungsberichten unter http://www.alkohol-und-baclofen-forum.de. Ihr seid keine Alkoholiker? Herzlichen Glückwunsch! Aber dem Alkoholismus liegt sehr, sehr, sehr oft eine andere Krankheit zu Grunde: genau, ihr habt es erraten, die Angststörung. Viele Alkoholkranke erfahren das erst nach Jahren, was schlimm genug ist.

So langsam schleicht sich endlich am Ende diesen Tages eine Müdigkeit ein, die ich gerne zum Einschlafen nutzen möchte. Also: Gute Nacht!