Herr Kern besitzt ’nen Pudel

Nicht nur als Kommentare, sondern vor allem auch als eMails erreichen mich tatsächlich verschiedenste ‚Beileidsbekundungen‘ bzgl. mir und Baclofen. Zu aller erst: Vielen Dank. Auf der anderen Seite kann/darf/muss ich ja nun auch sagen, dass noch gar keiner gestorben ist 😉

Aber was soll ich sagen. Vielleicht mache ich ja auch was falsch und ich hätte bei einem begleitenden Arzt bereits die klare Ansage zur Steigerung bekommen. Vielleicht hätte er (bei möglicher Erfahrung) gesagt: „Jo, alles normal, Deine Blutwerte und Körperfunktionen sind allesamt im grünen Bereich – also dosier mal hoch. Ab XXmg/d wird das dann soundso…“ Aber den hatte ich ja nun irgendwie nicht. So ganz schräge Offlabel-Verordnungen sind nicht jedermanns Ding. Da habe ich halt Pech.

Um aber nun zum Pudel’s Kern zu kommen: Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht schon bereits eine andere „Lösung“ aus dem Hut zaubern könnte. Naja, jedenfalls etwas, an das ich jetzt glauben möchte. Ich kann nicht sagen, ob genau das Teil meiner Krankheit ist, oder es einfach der ewige Drang ist, diese SCHEISSE endlich los zu werden mit dem gleichzeitigen Glauben, es könnte nur mit ‚chemischer‘ Unterstützung gelingen. Wie auch immer. Noch bevor ich auf Baclofen gestossen bin, hatte ich eine ‚Theorie‘ – ja, man will es kaum glauben, Herr Petrocelli hat eine Theorie….

Ich kann garnicht sagen, ob ich es in meinen vielen Plappereien einmal geschrieben hatte, aber es gab ein einziges Mal in den letzten 25 Jahren, in denen ALLES – und das meine ich auch so – wieder gut war: Ich hatte KEINE Angst mehr, ich war die Ruhe selbst. Es kreisten keine unendlichen Gedanken durch meinen Kopf, ich war hoch konzentriert und das ewige innere Kribbeln war schlicht WEG. Ich habe Abends manchmal für ne Dreiviertelstunde im Garten auf nem Stuhl gesessen und einfach in die Luft geguckt (da war nix!) und mich dabei ‚beobachtet‘ wie entspannt ich bin. Eine unglaubliche Phase von 3-4 Wochen. Ca. 6 Jahre her. In dieser Zeit habe ich sogar vollständig aufgehört an meinen Fingernägeln zu kauen – und das mache ich immerhin seit locker 35 Jahren…. Es ergab sich z.B., dass sich in dieser Phase ein alter Freund bei mir gemeldet hatte und fragte, ob er sich unseren Transporter ausleihen könnte, er wollte aus der Nähe von Hamburg ein Fahrrad für seine Mutter abholen. Ich fragte nur, wann er den haben wollte und nach der Antwort fragte ich einfach, ob er was dagegen hätte, wenn ich ihn abhole und wir zusammen nach Hamburg fahren (gute 120 km)….

Wenn man bedenkt, dass ich schon zu dieser Zeit das Haus seit Jahren nicht alleine verlassen konnte (und wenn NUR mit meiner Frau), dann dürfte man die Skepsis des besagten Freundes erahnen können. Noch mehr, denn jeder wusste auch mit meiner Frau war es fast unmöglich nur den Standrand zu verlassen. Eine Fahrt nach Hamburg war eine grössere Katastrophe.

Nun gut, natürlich freute er sich, denn letztendlich konnte eh keiner richtig nachvollziehen, was diese Krankheit bedeutet und eine Spontanheilung – ja warum nicht. Der Petrocelli war ja irgendwie nie richtig krank. Nichts faulte, alle Beine und Arme dran und ne Augenklappe hat er auch nicht.

Wer nur ungefähr die Lebenssituation kennt in der ich mich auch damals befand, wird das ganze genau wie ich als ein ‚Wunder‘ betrachten müssen. So habe ich es damals gesehen. Denn die Fahrt nach Hamburg hatte sogar Spass gemacht. Keine Angst, kein Stress. Nur eine nette Fahrt mit einem guten Freund.

So, ich weiß, alle denken nun: „Hör‘ auf zu labern, sag‘ wie das kommen konnte!!“. Ich mach ja schon: Ich hatte zu dieser Zeit gerade begonnen Trevilor zu nehmen. Ein damals relativ neuer Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Ich hatte gutes davon gehört und fragte meinen Arzt, ob ich das nicht mal probieren könnte, nachdem die ‚typischen‘ SSRIs allesamt nicht der finale Bringer waren. Da für Angststörungen zugelassen, war es kein Problem.

Ich habe mich und natürlich auch den Neurologen oft, sehr oft gefragt, warum ich in diesen ersten 3-4 Wochen eine solche wunderbare Wandlung erlebt hatte und warum es dann wieder innerhalb von wenigen Tagen auf einen ’normalen‘ Angstzustannd fiel. Es gab keine Antwort. Mein Arzt erklärte es mit Placebo, da wie auch die SSRIs, Trevilor eigentlich erst nach 2-4 Wochen wirken würde. Also eigentlich erst dann, als alles aufhörte. Toll.

Der Grund warum ich es übrigens absetzen musste, war eine kleine lästige Nebenwirkung: Ich wurde Bluter. Jupp, kein Tippfehler. Ich bekam auffällig oft blaue Flecken, was aber irgendwie nicht weiter auffiel (erst hinterher), aber bei einer Routine-OP bin den den Herrschaften in Weiß leider fast abgenippelt, da die mich nicht wieder ‚zu gekriegt‘ haben. Ich habe geleckt wie doof und meine Frau wurde noch während der OP mehr oder weniger angebrüllt, warum niemand gesagt hätte, dass ich Bluter bin. LOL – das alles hat im Nachhinein einen gewissen Witz und wer noch eine alte Packung von Trevilor hat, kann mal reinschauen: die Problematik mit der Gerinnungshemmung stand damals noch nicht drin – ich darf behaupten, ich bin einer der armen Schweine, die für den heutigen Text im Beipackzettel was beigetragen haben 🙂

Ok, das ist eine nette Geschichte, aber noch nicht des Pudels Kern – denn warum es den positiven Effekt gab, war ja irgendwie völlig unerklärlich. Placebo? Naja, für mich ein wenig zu heftig für Placebo. Ich meine ‚geglaubt‘ hatte ich an die vielen anderen Psychopharmaka davor auch. Und ein Placebo, dass einen dazu bringt, nach Jahrzenten so bumms mit dem Nägelkauen aufzuhören. Hut ab! Das nenne ich ein cooles Placebo.

Bis vor ca. 9 Monaten, hatte ich auch nie eine halbwegs annehmbare Idee, was damals passiert war. Ich hatte über die Jahre immer mal wieder gegoogled, ob irgendjemand die gleichen Erfahrung mit Trevilor gemacht hatte. Vielleicht hatte ich immer nach den falschen Begriffen gegoogled, aber solche Erlebnisse fand ich niemals. Aber wie gesagt, vor 9 Monaten fand ich etwas anderes: Einen Bericht über eine Studie, in der man herausfinden wollte, warum es denn für gewöhnlich 3-4 Wochen braucht, BIS die typischen SSRIs und SNRIs wie Cymbalta und Trevilor anschlagen. In dieser Zusammenfassung wurde berichtet, dass in den ersten Wochen die Wiederaufnahme des Serotonins im synaptischen Spalt genauso gehemmt wird, wie später, ABER: es gibt einen entscheidenden Unterschied. Das Serotonin wird in dieser ersten Zeit den Noradrenalin- und Dopamin-Kanälen ‚abgebaut‘. Das war wohl vorher nicht wirklich klar (warum es danach wohl nicht mehr passiert, entzog sich aber meinem Verständnis…). Der ‚Witz‘ an der Sache ist also, dass in der ersten Phase – sozusagen vom ersten Tag an – die Wiederaufnahmekanäle für Dopamin und Noradrenalin ‚benutzt‘ werden. Dadurch wird wiederum die Aufnahme von Dopamin und Noradrenalin in dieser Zeit leicht gehemmt. Nur leicht, aber immerhin. Und da kommt jetzt des Pudels Kern auf den Tisch: Das was hier passierte, könnte sich also sehrwohl auf eine Erhöhung des Dopamins beziehen.

Dann habe ich natürlich angefangen wie ein aufgescheuchtes Huhn zu schauen, was so ein Dopaminchen sonst so den ganzen Tag macht: Tja, und insbesondere bei zwei andern Krankheiten kommt Dopamin eine wesentliche Rolle zu: ADHS und Parkinson. Ritalin – ein Dopaminmodulator – entspannt die hyperaktiven Kids und gibt Ihnen die Möglichkeit sich endlich zu konzentrieren. Levodopa – die Vorstufe von Dopamin, die das Gehirn erreicht – sorgt bei Parkinsonerkrankten nicht nur, dass das Zittern, der Tremor, aufhört, sondern man findet auch etliche Berichte von Parkinsonkranken, die eine unglaubliche Entspannung verspüren, wenn Sie Ihre Dosis erhalten. Ich habe da Berichte gefunden, die fast exakt die Gefühle der Entspannung in dieser Zeit beschrieben. Das war für mich sehr beeindruckend.

Ein Medikament, dass für Depressionen verschrieben wird (Offlabel für ADHS) und die Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme hemmt, habe ich bereits ‚im Schrank‘. Ich habe es von einem Arzt erhalten, den ich – das muss ich zu meiner Schande gestehen – ein wenig an der Nase herumgeführt habe. Ich hatte einfach behauptet, von meinem Neurologen, der momentan im Urlaub ist, das früher bereits erhalten zu haben. Naja, nicht rumreich, aber ich bin halt auch nur ne Wurst. Nun habe ich das also hier und ‚theoretisch‘ würde es ja genau passen. Tja, so ist das nun aber nicht. Nur weil ich so eine feine Theorie habe, heisst es ja noch lange nicht, dass ich wirklich daran glaube. Und vor allem nicht, dass ich alle Aspekte kennen würde. In dem Beipackzettel steht nämlich das es sehrwohl auch lustig Angst hervorrufen kann – klar, das steht bei JEDEM Antidepressiva drin, aber nun. Es macht mir doch Sorge. Mich mit einem Mittel wie Baclofen zu plätten, ist eine Sache. Mir aber ein Zeug einzuwerfen, was womöglich die Ängste induziert. Jo, das macht mir schon Angst.

Klar – kein noch so genialer Arzt könnte das genau vorhersehen. Aber irgendwie wäre es cool, wenn einfach einer sagt: „Kriegste Garantie – da passiert nix. Nimm einfach Alda!“ Tja, da ist aber keiner. Also muss ich mir das wohl selbst sagen. Klappt aber nicht wirklich.

Boah, das ist jetzt aber ein Megagequassel geworden. Ich lege mal auf und schreibe später nochmal was zum Thema. Vielleicht ist ja da draussen einer dabei, der Input zum Thema hat. Wie immer: her damit!

LG Petrocelli