Links, Rechts, Wechselschritt! – Guanfacin Tag 1

Verfolgt man diesen Blog, so ist mindestens der Verdacht zu erheben, ich hätte Spass daran möglichst ‚lustige‘ Medikamente zu testen. Vielleicht hätte ich eine große Karriere in der Pharmaindustrie als ‚Testkaninchen‘ haben können, aber dort würde ich wohl nur die Medikamente erhalten, die in den finanziellen Plan derer passt. Und im übrigen macht Geld keinen Sinn, wenn man nicht aus dem Haus kommt, um es auszugeben…

Mein medizinischer ‚Leitwolf‘ Prof. Dr. mult. Florian Holsboer, propagiert seit vielen Jahren (ich verfolge seine Veröffentlichungen seit Ende der 90er), dass klinisch ähnliche Depressionen und Angststörungen sehr wohl unterschiedliche Ursachen haben können und deshalb nur sehr unsinnig mit immer den gleichen Medikamenten therapiert werden.

Übrigens gilt er als der ‚Entdecker‘ des CRF-1/Rezeptors, das wiederum an der Steuerung unserer gesamten ‚Stressachse‘ (ACTH, Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Dopamin, DHEA, etc.) schwer beteiligt ist. Im Moment gibt es jedoch noch keine zugelassenen Medikamente, die auf den CRF-1 Rezeptor zielen. Es sind aber einige Medikamente in der Entwicklung, wobei es noch keines durch das Phase-III Stadium geschafft hat, um in unsere ‚Nähe‘ zu kommen.

Ich für meinen Teil glaube jedenfalls noch immer (und gerade durch die Erfahrungen mit bestimmten Medikamenten), dass meine Angststörung Teil meines lebenslangen ADHS ist und ich mittlerweile schlicht ausgebrannt und kaputt bin, so dass es evtl. nicht mehr das ‚klassische‘ ADHS aus den Lehrbüchern ist. Aber die besseren Lehrbücher wissen bereits, dass es das ‚klassische‘ ADHS nicht gibt – hier kommt übrigens wieder Prof. Holsboer ins Spiel, der liebend gerne mehr mit Bio- und Genmarkern arbeiten würde, als mit den klinischen Bildern. So könnte man – würden Pharma und Ärzteschaft mitspielen – sicher schneller herausfinden, welchem Patienten welches Medikament ‚passt‘. Vorausgesetzt, es werden weitere Medikamente mit unterschiedlichen Ansätzen bereitgestellt…

Auch in den letzten 3 Jahren, in denen der Blog ‚ruhte‘ habe ich verschiedene Medikamente probiert, von denen ich sicher noch retrospektiv berichten werden. Am besten wirkten die Medikamente, die eher auf ADHS denn auf Ängste/Depressionen zielen. Als Erwachsener, der zu dem noch dick und unsportlich geworden ist (es war mal anders – ich schwöööre!), muss man aber leider manchmal hinnehmen, dass steigender Blutdruck, Puls etc. nicht bzgl. der Angstgefühle zuträglich ist, sondern ganz ‚echt‘ ein gesundheitliches Risiko darstellt.

Ein Medikament, dass hier ‚anders‘ ist, ist der Wirkstoff Guanfacin. Ursprünglich mal als Blutdrucksenker entwickelt (wie sein ‚Vorgänger‘ Clonidin) ist er in den USA schon seit einigen Jahren für ADHS zugelassen und soll dort auch häufig off-label für Angststörungen eingesetzt werden. DAS klinkt doch, als würde direkt mein Name drauf stehen! Aber naja, dass nicht alles, wo mein ‚Name‘ drauf stand, mir auch was gebracht hat, weiß ich mittlerweile ja auch 😉

Seit Anfang 2016 ist es auch in Europa als Retardformulierung unter dem Namen ‚Intuniv‘ für ADHS bei Kindern und Jugendlichen zugelassen.

Als Angstpatient, der natürlich auch ‚Schwindel‘ und gefühlte ‚Ohnmachtsanfälle‘ in seinem Repertoire hat, klingen Nebenwirkungen wie Hypotonie und/oder orthostatische Hypotonie deutlich ‚gefährlicher‘ als Bluthochdruck. Und bei einem Medikament, dass mal genau den Zweck hatte den Blutdruck zu senken, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es das dann auch tun wird.

Deshalb liegt das Zeugs auch schon einige Tage hier rum, und ich überlege mir, wie ich es ‚am Besten‘ nehmen kann, ohne das es mich zwickt. Gestern Abend habe ich mich dann ‚endlich‘ getraut und die erste 1mg Tablette eingeworfen.

Freundlicher Weise konnte ich gut schlafen – Müdigkeit ist ja auch eine ‚Nebenwirkung‘ davon. In der Nacht bin ich einmal aufgestanden und ich fühlte mich tatsächlich etwas ‚matschiger‘ als sonst und ich merkte es ist gut, nicht gleich aufzuspringen, sondern etwas länger am Bettrand zu sitzen, bevor ich aufstand (meine Fresse, so opa-mäßig fühle ich mich ja sonst noch garnicht…).

Der Tag war im Grunde fast ’normal‘. Jedoch war eine gewisse Matschigkeit/Müdigkeit nicht von der Hand zu weisen – wenigstens in der ersten Tageshälfte. So ab 17-18h verschwand dieses (eigentlich wirklich leichte) Gefühl dann komplett.

Die tatsächliche ‚Wirkung‘ auf das ADHS und evtl. auf meine Ängste, die durch die ständige Unruhe angefacht werden, ist erst nach ein bis zwei Wochen zu erwarten. Ich wäre ja schon froh, wenn es nicht schlimmer wird 🙂

Einen angenehmen Punkt habe ich aber heute bereits erlebt. Und ich behaupte nicht, dass es von dem Guanfacin kommt, ich ‚bemerke‘ es hier aber einfach mal für die Akten. Ich habe am späten Nachmittag etwas in der Werkstatt angefangen und nach gut 2 Stunden auch erst aufgehört, als es fertig war. Währenddessen hatte ich weder die üblich kreisenden Gedanken, noch habe ich mich ständig selbst unterbrochen und andere Dinge ‚auf dem Schirm‘ gehabt. Ich war jetzt nicht irgendwie hyperfokussiert oder so, aber ich habe einfach die selbst gestellte Aufgabe relativ konzentriert durchgeführt und beendet.

Ich war nicht besonders entspannt oder sonstwas, aber es war ‚irgendwie anders‘. Ganz unauffällig, aber anders. Ich verbuche das erstmal unter Zufall und lasse es so stehen.

In den nächsten Tagen werde ich es nicht erneut nehmen, da ich die Nebenwirkung mit der Müdigkeit/Matschigkeit nicht gebrauchen kann, wenn es noch Termine ausser Haus gibt, die mir immer alles abfordern. Aber ich denke am WE werde ich es wieder nehmen und dann wohl über kurz oder lang einmal ‚richtig‘ nehmen und evtl. wöchentlich auftitrieren, wenn ich es weiter vertrage.

Die Nebenwirkungen bzgl. Müdigkeit und niedrigerem Blutdruck sollen bei längerer Einnahme vollkommen verschwinden. Das werde ich mal rausfinden 😉