Genetischer Müll

Nachdem nun auch der Versuch mit L-Tryptophan so auffällig wirkungslos war, suchte ich (wie üblich) weiter. Noch immer daran glaubend, dass es ‚irgendwo‘ etwas geben muss, dass mir eine Gefühlsgrundlage schaffen muss, die mir wieder Leben ermöglichen kann.
Noch immer glaube ich an Chemie.

Das Thema L-Tryptophan brachte mich zu einem interessanten Artikel, der erklärte warum es Menschen geben kann, die so garnicht die Vor-Vorstufe des Serotonins (5-HTP) erstellen können. Es gibt hier eine Genvariation (Polymorphismus), die dafür sorgt, dass das geschwindigkeitssteuernde Enzym (Tryptophanhydroxylase) zu wenig vorhanden ist und dadurch kein 5-HTP im Gehirn zur Verfügung steht, auch wenn man sich mit L-Tryptophan zuknallt. Also dachte ich mir: kann man das nicht auch testen? Dann würde das immerhin erklären, warum mit L-Tryptophan nix passiert bei mir 😉

Um es gleich vorweg zu nehmen: DEN Polymorphismus (TPH-2) habe ich nicht…

Es hatte etwas gedauert, bis ich ein Labor gefunden habe (bitte per mail oder Kommentar mit mail anschreiben, ich schicke bei Interesse den Kontakt), dass auch diesen relativ neuen (also der ist sicher alt wie die Menschheit, aber es ist neu, dass man ihn kennt 😉 ) Polymorphismus untersucht. Bei weitem nicht alle Labore, die Genuntersuchungen machen, bieten das an.

Am Ende habe ich mich für 8 Genuntersuchungen entschieden, die allesamt zum Thema Depression und/oder Angststörungen als relevant diskutiert werden. Es gibt kein ‚Angstgen‘ im singulären Sinn, aber viele ‚Verdächtige‘ – der eine offensichtlicher als der andere 🙂

Das ich mich hier nicht umsonst als Klappsenkalli oute, habe ich nun aus’m Labor bestätigt: Von den 8 Genen habe ich stolze 5, die nicht dem sog. ‚Wildtype‘ entsprechen, also in der Gattung kaukasischer Mensch (Jungs und Mädels in Europa) ’normal‘ vorkommen. Bei 3 dieser Polymorphismen (5HTR2A, 5HTT und BDNF) weiß man, dass diese mit Angststörungen korrelieren und teilweise auch die Wirkung von SSRIs vermindern – das hatte ich ja über Jahre ausprobieren dürfen 😉

Ein weiterer ‚meiner‘ Polymorphismen (GAD2) wird auch in Verbindung mit Angststörungen gebracht, bietet jedoch keinen zu guten therapeutischen Ansatz und eine Messung von GABA im Urin war völlig in Ordnung bei mir.

Was aber gar nicht in Ordnung war, sind meine Werte des Serotonins und Noradrenalins. Leicht erniedrigt, aber noch im ordentlichen Rahmen, waren Adrenalin und Dopamin (da war doch was – siehe ältere Posts 😉 ). Und hierzu passt genau der Polymorphismus Nr. 5, den ich in der ’schöne scheisse‘ Variation habe (4.5 repeat). Diese ist nicht nur fein selten (<1% in unserer Gattung), sondern passt exakt zu meinen genannten Werten. Ich habe deutlich mehr – 10fach und mehr – des MAO-A Enzyms, als der Wildtype unserer Gattung, so dass bei mir Serotonin und Noradrenalin sehr stark und Adrenalin und Dopamin stärker abgebaut wird, als hätte ich diese Variation nicht. Passt faszinierender Weise genau zu den gemessenen Katecholaminwerten oben.

Was nun?

Im Grunde ist dies der ‚beste‘ Polymorphismus, den man sich wünschen kann, wenn man das überhaupt so sehen mag. Denn im Gegensatz zu den anderen gibt es hier seit ewigen Jahren Medikamente, die genau dieses MAO-A Enzym hemmen. Also dafür sorgen, dass nicht zuviel dieser netten Botenstoffe, die wir alle so brauchen, aufgefressen werden. Die anderen 4 Polymorphismen ‚ignoriere‘ ich einfach mal und freue mich darüber, dass es mich da auch noch schlechter hätte treffen können, da ich diese alle ’nur‘ heterozygot habe, so dass wenigstens die andere Hälfte der Erbinformation ’normal‘ ist. Es hätte also schlimmer kommen können. Womöglich. 😉

Etwas unangenehm ist, dass so ein MAO-A Hemmer unfreundliche bis tödliche Nebenwirkungen haben kann, wenn man das eine oder andere nicht beachtet. Aber ich bin ja äusserst achtsam und es wird schon nichts schief gehen.

Gespannt bin ich aber wirklich, ob es nun nach all den Jahren und mit dem Hintergrund der genetischen Befunde und dem hierzu passenden Status der Katecholamine bei mir mit dem neuen Medikament etwas wird. Ich glaube sonst bin ich wohl ziemlich am Arsch…. Dann gehen sogar mir die ‚Ausreden‘ aus.

Ich habe das Rezept für moclobemid (der MAO-A Hemmer) bereits da und werde wohl am Freitag oder Montag damit anfangen. Dann gibt es hier mal wieder ein Tagebuch.

In diesen Sinne: alles wird gut!

Petrocelli